Rund eine Million Organisationen weltweit arbeiten mit einem Qualitätsmanagementsystem nach ISO 9001 – als verlässliche Struktur, um Qualität gezielt zu gestalten, Vertrauen zu schaffen und Leistungsfähigkeit dauerhaft sicherzustellen. Wie gut aber der Normtext von ISO 9001:2015 auf Dauer noch zu den Anforderungen passt, mit denen Unternehmen heute konfrontiert sind – das war eine der Leitfragen, die das zuständige ISO-Komitee bewogen hatte, die Revision 2026 der QM-Norm anzugehen. Jetzt liegt ISO 9001:2026 auf dem Tisch. Wir haben Experten befragt, wie die Weiterentwicklung der Norm aus ihrer Sicht nun aussieht – und wie die Änderungen in der Praxis echte Wirkung entfalten können.
ISO 9001 Revision
Alles, was Sie wissen sollten
ISO 9001 hat ein Update erhalten: mit Auswirkungen auf über eine Million Organisationen weltweit. Wir bündeln für Sie alle relevanten Entwicklungen und Normänderungen.
Profitieren Sie von unserer Nähe zu den Normungsgremien und unserer Erfahrung als erste Zertifizierungsgesellschaft für ISO 9001 in Deutschland.
Besserer Umgang mit Risiken und Chancen
Eine der wesentlichen Änderungen der neuen ISO 9001:2026 ist die Einführung des chancenbasierten Denkens und damit zusammenhängend die Trennung des Umgangs mit Risiken vom Umgang mit Chancen. Damit hat sich unsere im Rahmen der ISO TC 176 TG 4 (Future Topics „Risk“) vorgeschlagene Sicht durchgesetzt, Risiken und Chancen als zwei verschiedene Konzepte des Umgangs mit Veränderungen zu begreifen und systematisch voneinander zu entkoppeln. Die beiden Unterabschnitte 6.1.2 „Maßnahmen zum Umgang mit Risiken“ und 6.1.3 „Maßnahmen zum Umgang mit Chancen“ verdeutlichen dies.
Ziel der Änderung ist es, dass sich die Organisationen ab jetzt systematischer um ihre (strategischen) Chancen kümmern. Bisher kommen nämlich die Chancen in der Praxis viel zu kurz!
Prof. Dr. Patricia Adam
Integriertes Risiko- und Chancenmanagement
DQS-Auditorin und Professorin für International Management an der Hochschule Hannover. Als Expertin für Organisationsentwicklung und EFQM-Assessorin mit internationalen Einsatzorten bringt sie ihre Expertise als Autorin, in Gremien von DIN und ISO sowie als Keynote-Speakerin ein. Patricia Adam ist Mitglied der Task Group 4 „Risk” des Technischen Komitees ISO/TC 176 und auch in der zugehörigen WG 2 an der Revision von ISO 9000 beteiligt.
Chancen müssen anders bewertet und behandelt werden als Risiken. Während bei Risiken typischerweise Ereignisse mit ihren Folgen und Eintrittswahrscheinlichkeiten betrachtet werden, schauen wir bei der Chancenbetrachtung, ob wir die Fähigkeiten, Kompetenzen oder Kapazitäten haben, um z.B. neue Kundengruppen für uns zu begeistern. Diese Unterschiede werden insbesondere in den neuen Erläuterungen aufgegriffen, die sich im Anhang A 6.1 finden und die weiterhin allgemein gehaltenen Normforderungen um praktische Hinweise ergänzen. Eine Integration beider Sichtweisen, zum Beispiel im Rahmen der Entscheidung über konkrete Maßnahmen, ist dabei weiterhin sinnvoll. Wichtig ist, dass es nicht darum geht, dass ein Unternehmen auf einmal einen neuen Bereich hat, der Chancenmanagement heißt. Es geht darum, Risiken und Chancen effektiver in die unternehmerische Entscheidungsfindung einzubeziehen.
Zertifiziert – und trotzdem keine Qualitätskultur?
ISO 9001:2026 fordert den Realitätscheck
Die neue ISO 9001:2026 markiert einen Wendepunkt, der mich als Auditorin begeistert: Endlich rücken die „weichen“ Erfolgsfaktoren in den normativen Fokus. Weg von der reinen Prozessbetrachtung, hin zur gelebten Identität und gemeinsamen Werten.
Die Neuerung ist strategisch in den Führungskapiteln platziert. In Kapitel 5.1.1 wird die oberste Leitung nun explizit verpflichtet, eine Qualitätskultur sowie ethisches Verhalten aktiv zu fördern. Flankiert wird dies durch Kapitel 7.3, welches sicherstellt, dass sich alle Mitarbeitenden dieser Kultur und der ethischen Grundsätze bewusst sind. Wie in der Anmerkung 2 erläutert wird, spiegeln sich die Qualitätskultur einer Organisation sowie ihr ethisches Verhalten in ihren gemeinsamen Werten, Einstellungen und ihrer etablierten Praxis wider.
Martina Scharwey
Qualitätskultur
Senior Lead Auditorin der DQS und TQM-Assessorin. Sie ist Expertin in den Bereichen Kennzahlenmanagement, Prozess-, Qualitäts- und Risikomanagement.
Für mich als Auditorin bedeutet das, dass ich mich nicht mehr mit schönen Leitbildern an der Wand zufriedengebe. Ich suchen die sichtbare Führungspraxis. Im Audit werde ich künftig verstärkt hinterfragen, wie bei Prioritätenkonflikten - etwa Zeitdruck versus Sorgfalt - entschieden wird. Ich werde nach Anzeichen für psychologische Sicherheit suchen, in der Fehler offen kommuniziert und als Lernchance begriffen werden. Werden Qualitätsrisiken angesprochen oder erscheint es besser, diese unter den Teppich zu kehren?
Diese neuen Anforderungen dürfen nicht als administrativer Ballast verstanden werden, sondern als Chance ein stabiles Fundament für echte Resilienz zu schaffen.
Qualitätskultur nach ISO 9001:2026
ISO 9001:2026 rückt Führungsverantwortung und eine gelebte Qualitätskultur stärker in den Fokus: Qualität soll künftig im täglichen Verhalten und Bewusstsein aller Mitarbeitenden verankert sein. Der kostenfreie DQS-Leitfaden liefert beispielhafte Auditfragen und Praxisbeispiele, mit denen Sie den Status quo Ihrer Qualitätskultur einschätzen und möglichen Handlungsbedarf identifizieren können.
Vom Auditritual zum echten Managementnutzen
Wie ISO 9001:2026 interne Audits neu ausrichtet – und ISO 19011:2026 die passende Auditpraxis liefert
Die eigentliche Veränderung der internen Audits durch ISO 9001:2026 liegt nicht in zusätzlichen Auditpflichten, sondern in einem deutlich veränderten Erwartungshorizont. Der weitgehend unveränderte Abschnitt 9.2 darf deshalb nicht darüber hinwegtäuschen, dass interne Audits stärker als bisher einen konkreten Beitrag zur Führung und Steuerung des Qualitätsmanagementsystems leisten sollen.
Auditziele werden expliziter, Prozessstatus und Zielbeitrag rücken in den Vordergrund. Risiken und Chancen beeinflussen Häufigkeit und Umfang. Statt Normforderungen oder starre Jahrespläne abzuarbeiten, zählen der Beitrag zu Wirksamkeit, Zielerreichung und Verbesserung.
Mathias Wernicke
Intern auditieren
Dipl.-Ing. Mathias Wernicke verfügt über 35 Jahre Erfahrung in Managementsystemen und war unter anderem Leiter Business Management System und Zertifizierung bei EADS und Airbus Defence and Space. Heute ist er freiberuflicher DGQ-Trainer mit branchenübergreifendem Einsatz, engagiert sich im DGQ-Fachkreis Audit und Assessment und leistete wesentliche Beiträge im DIN-Normenausschuss Organisationsprozesse sowie im ISO Technical Management Board. Er ist Qualitätsfachingenieur, DGQ Lead Auditor und hält Vorlesungen zur Integration von Managementsystemanforderungen.
ISO 19011:2026 liefert die methodische Antwort: Prozessorientierte Audits betrachten Prozesse und Wechselwirkungen und lenken Ressourcen dorthin, wo Risiko und Erkenntniswert am höchsten sind. Remote-, Hybrid-, Ad-hoc- und Kurzaudits erhöhen die Flexibilität; Lieferkettenaudits reichen risikoorientiert vom einzelnen Prozess bis zur End-to-End-Betrachtung.
Damit steigen die Anforderungen an Auditoren: Prozessverständnis, risiko- und chancenbasiertes Denken, Methodenwahl und Kommunikation „auf Augenhöhe“ werden entscheidend. Die Chance: Aus einem ritualisierten Pflichtinstrument einen wirksamen Beitrag für Managemententscheidungen zu machen. Der Lackmustest lautet nicht mehr: „Haben wir alles geprüft?“, sondern: „Haben die Audits unsere Managemententscheidungen besser gemacht?“
Qualitätskultur und ethisches Verhalten
ISO 9001:2026 – Jetzt wird´s ethisch
Die allen bekannte Ausgangslage ist folgende: Ein perfekt dokumentiertes Qualitätsmanagementsystem mit oder ohne Zertifikat ist im Grunde wirkungslos, wenn die Menschen im Unternehmen es nicht leben. Zwei Schlüsselbegriffe rücken daher nach der Revision in den Fokus: Qualitätskultur und ethisches Verhalten. Verankert wird dies vor allem in Abschnitt 5.1 (Führung und Verpflichtung), 7.1.4 (Prozessumgebung) sowie in Abschnitt 7.3 (Bewusstsein), wo die oberste Leitung künftig aktiv eine Qualitätskultur fördern und ethisches Verhalten vorleben muss, und: Alle Mitarbeitenden müssen sich dieser Kultur auch bewusst sein und sie aktiv mittragen.
Es geht nun aber mitnichten darum, Unternehmen zu moralischen Institutionen zu machen. Vielmehr geht es um klassische Werte, wie Integrität, Verlässlichkeit und verantwortliches Handeln. Entscheidungen müssen nachvollziehbar sein, Zusagen eingehalten werden und vor allem: Verantwortung endet nicht an den Organisationsgrenzen. Somit muss die zu formulierende Qualitätspolitik noch stärker (und nachweisbarer!) den zunehmend dynamischen Kontext der Organisation berücksichtigen und die strategische Ausrichtung der Organisation muss nachvollziehbar darauf gründen.
Kultur ist, was die Führung durchgehen lässt
Qualität wird demnach noch fundamentaler zu einer Führungs-, und ein gelebtes Qualitätsmanagement ist vor allem eine Kulturfrage. Was die Führung toleriert, wird zur Kultur, wie es die beiden Führungsexperten Gruenert & Whitaker sinngemäß auf den Punkt gebracht haben. Es wird dann nur nicht die Kultur sein, die man sich wünscht.
Dr. Markus Reimer
Qualitätskultur und ethisches Verhalten
Seit über 15 Jahre als Auditor der DQS tätig. Als Autor und Keynote-Speaker begeistert er im deutschsprachigen Raum seit vielen Jahren seine Leser und Zuhörer mit seinen Themen Qualität, Innovation, Nachhaltigkeit, Wissen und Agilität.
Das alles ist grundsätzlich nicht neu und auch weit entfernt von einer Raketenwissenschaft. Neu ist aber, dass dieser so wichtige, aber oftmals von vielen Seiten ignorierte Aspekt erstmals normativ eingefordert und damit auch auditiert werden wird. Die klassische Checklisten-Logik wandert damit auch Richtung „Haltung“. Führungskräfte müssen künftig die grundsätzliche Selbstverständlichkeit nachweisen, wie sie den eigenen (!) Werterahmen aktiv gestalten, vorleben und fördern.
Vom Anspruch zur Tat
In der praktischen Umsetzung kann dies bedeuten, dass Qualitätskultur fest auf die Managementagenda gesetzt wird, dass die eigenen Werte in Schulungen, Teammeetings und in der Kommunikation nach innen und außen verankert werden, dass die Vorbildfunktion der Führung durch transparente Entscheidungen und nachvollziehbare Ressourcenverteilung sichtbar wird oder dass die Wirksamkeit zum Beispiel über Mitarbeiterfeedback oder Stakeholder-Rückmeldungen standardisiert in die Managementbewertung einfließen.
Die neue ISO 9001 ist keineswegs „ethischer“, dafür aber realitätsbezogener und genau dazu fordernder geworden. Nachhaltige Qualität entsteht dort, wo Werte, Ziele, Prozesse, Führung, Kultur und verantwortungsvolles Verhalten eine maximale Schnittmenge bilden. Qualitätskultur und ethisches Verhalten sind daher keine zusätzlichen Lasten, sondern eine längst überfällige Erweiterung des Blickfelds – mit dem Menschen im Mittelpunkt.
Die Wirksamkeit des Qualitätsmanagement steigern
Die Auseinandersetzung mit der aktuellen ISO 9001 Revision zeigt: Die Anforderungen an Qualität und Organisationen haben sich verändert, und mit ihnen die Erwartungen an ein wirksames Managementsystem. Die Stimmen, die in diesem Beitrag zu Wort kommen, spiegeln die Realität im Umgang mit ISO 9001 und die Überzeugung, dass Qualität heute anders gedacht werden muss. Nicht als Sammlung von Vorgaben, sondern als System, das Orientierung gibt, Verantwortung fördert und Unternehmen befähigt, in dynamischen Märkten erfolgreich zu handeln. Und mit mehr Wirkung statt Formalismus, mehr Raum für Chancen, einem konsequenteren Kunden- und Nutzerfokus und mit einem zeitgemäßen Umgang mit Führung, Wandel und Technologie.
ISO 9001:2015 vs. ISO 9001:2026
Gegenüberstellung: alte und neue Normanforderungen
Was ändert sich in ISO 9001:2026? Entdecken Sie die Änderungen im direkten Vergleich entsprechender Normanforderungen. Profitieren Sie vom Know-how unserer Experten und erkennen Sie frühzeitig Handlungsbedarf.
Im Laufe der kommenden Wochen ergänzen wir diese Seite mit weiteren Statements von Auditoren, Normexperten und Anwendern aus der Praxis. Sie wollen informiert bleiben? Schreiben Sie sich für unseren kostenfreien Newsletter „Business Insights“ ein.
Was die DQS für Sie tun kann
Seit 1985 steht die DQS für verlässliche und unabhängige Zertifizierungen von Managementsystemen. Als erster deutscher Zertifizierer bieten wir Unternehmen weltweit Orientierung, Sicherheit und Vertrauen – durch wertschöpfende Audits und Zertifikate mit internationaler Anerkennung.
Unsere Stärke: Fachliche Tiefe, Regelwerkskompetenz und ein klares Verständnis für branchenspezifische Anforderungen. Damit ermöglichen wir Ihnen, die Wirksamkeit Ihres Managementsystems aufzuzeigen und gezielt weiterzuentwickeln: faktenbasiert, nachvollziehbar und zukunftsorientiert.
Zertifizierungen mit der DQS stehen für Vertrauen: intern wie extern. Unsere Audits sind kein Abarbeiten von Checklisten, sondern ein strukturierter Dialog auf Augenhöhe. Für ISO 9001 sind wir bereits seit 1991 durch die Deutsche Akkreditierungsstelle (DAkkS) akkreditiert.
Zur Historie von ISO 9001
Eine Erfolgsgeschichte
Die ungebrochene Erfolgsgeschichte für Qualitätsmanagementsysteme begann vor mehr als 40 Jahren. Am 28. August 1986 stellte die DQS das erste ISO 9001 Zertifikat auf der Basis der Entwurfsfassung aus.
Gehen Sie mit uns auf Zeitreise und lesen Sie unseren Beitrag zur Historie von ISO 9001.
Vertrauen und Expertise
Unsere Texte und Broschüren werden ausschließlich von unseren Normexperten oder langjährigen Auditoren verfasst. Sollten Sie Fragen zu den Textinhalten oder unseren Dienstleistungen an unseren Autor haben, freuen wir uns auf den Kontakt mit Ihnen.
Hinweis: Wir verwenden aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum. Die Direktive schließt jedoch grundsätzlich Personen jeglicher Geschlechteridentitäten mit ein, soweit es für die Aussage erforderlich ist.