Der Kli­ma­wan­del hat er­heb­li­che Folgen auf Un­ter­neh­men welt­weit. Ei­ner­seits steigen die Risiken durch extreme Wet­ter­ereig­nis­se, die Lie­fer­ket­ten und In­fra­struk­tu­ren beeinträchtigen können. An­de­rer­seits fordern in­ter­es­sier­te Parteien verstärkt nach­hal­ti­ge Prak­ti­ken und Trans­pa­renz bei Um­welt­aus­wir­kun­gen. Un­ter­neh­men müssen sich an­pas­sen, um lang­fris­tig wettbewerbsfähig zu bleiben. 

Seit Anfang 2024 verlangt auch die ISO eine pro­ak­ti­ve Aus­ein­an­der­set­zung mit den Klimaveränderungen durch zwei ergänzende An­for­de­run­gen zu kli­ma­be­zo­ge­nen Maßnahmen in mehr als 30 ISO-Ma­nage­ment­sys­tem­nor­men. Die An­for­de­run­gen ver­lan­gen, dass Un­ter­neh­men die Relevanz von Kli­ma­ri­si­ken im Rahmen ihrer or­ga­ni­sa­to­ri­schen Kon­text­ana­ly­se (Kap. 4.1) sowie der Er­war­tun­gen ihrer in­ter­es­sier­ten Parteien (Kap. 4.2) bewerten. 

Wichtige Änderung im Anhang SL der ISO/IEC-Direktive  

Nach einem gemeinsamen Beschluss des Internationalen Akkreditierungsforums (IAF) und der Internationalen Organisation für Normung (ISO) vom 22. Februar 2024 wurden zwei neue, kurz gehaltene Textpassagen (Amendment) zum Klimawandel in alle neuen, in Entwicklung oder in Überarbeitung befindlichen ISO-Managementsystemnormen aufgenommen. Ziel ist es, dass Normanwender künftig auch die Auswirkungen klimawandelbedingter Einflüsse auf ihre Fähigkeit, die beabsichtigten Ergebnisse ihres Managementsystems zu erreichen, einbeziehen. Gemeint ist hingegen nicht, was zertifizierte Unternehmen über ihre Managementsysteme tun können, um den Klimawandel zu mildern.

Die Änderungen wurden als Konkretisierung zu über 30 veröffentlichten Normen eingeführt und laut der ISO-Erklärung „in den neuen Text der harmonisierten Struktur (Anlage 2 des Anhangs SL in den ISO/IEC-Direktiven Teil 1 Konsolidiertes ISO-Supplement) aufgenommen“.

Die deutschen Ergänzungen, zum Beispiel für ISO 9001, sind bei DIN Media als kostenloser Download erhältlich:

DIN EN ISO 9001/A1:2024-11 – Qualitätsmanagementsysteme  Anforderungen  Änderung 1: Ergänzungen zu klimabezogenen Maßnahmen (ISO 9001:2015/Amd 1:2024)

Was sind die neuen ISO-Anforderungen?

Die Änderungen wurden im Februar 2024 auf Englisch veröffentlicht und beziehen sich auf den „Kontext der Organisation“ in Kapitel 4. Die allgemeine Absicht des Normkapitels, dass die Organisation alle internen und externen Themen berücksichtigt, die die Wirksamkeit ihres Managementsystems beeinflussen können, bleibt unverändert. 

Dem Kapitel 4.1 (Verstehen der Organisation und ihres Kontexts) wurde folgender Satz hinzugefügt:
„Die Organisation muss bestimmen, ob Klimawandel ein relevantes Thema ist.”
Zusätzlich zu allen anderen internen oder externen Kontextthemen sollten die Methodik und die Kriterien zur Bestimmung, ob der Klimawandel ein wesentlicher Aspekt ist, definiert oder dargestellt werden. Stuft das Unternehmen klimatische Veränderungen als relevant ein, sollte eine Risikobewertung im Rahmen der Managementsystemnorm vorgenommen werden. Die Einstufung als „nicht relevant“ muss durch die Organisation ausreichend begründet werden.

Die zweite Änderung greift in Kapitel 4.2 (Verstehen der Bedürfnisse und Erwartungen der interessierten Parteien). Dort wurde der folgende Hinweis am Ende des Unterabschnitts ergänzt:
„ANMERKUNG Relevante interessierte Parteien können Anforderungen in Bezug auf den Klimawandel haben.“
Diese Klarstellung unterstreicht, dass auch interessierte Parteien Erwartungen an organisatorische Klimaüberlegungen haben können, die in Entscheidungsprozessen zu berücksichtigen sind. 

Beide Ergänzungen schaffen einen strukturierten Rahmen, der sicherstellt, dass Klimaaspekte künftig systematisch und konsequent in der Kontextanalyse betrachtet werden. Durch diese proaktive Herangehensweise können Unternehmen frühzeitig auf neue Herausforderungen reagieren, ihre Prozesse anpassen und die Marktposition stärken.

Welche Auswirkungen haben die Änderungen auf zertifizierte Unternehmen?

Zertifizierte Unternehmen sollten sicherstellen, dass auch Klimaaspekte "im Zusammenhang mit der Wirksamkeit des Managementsystems zusätzlich zu allen anderen Fragen" überwacht und überprüft werden, wie ISO und IAF in ihrem gemeinsamen Kommuniqué erklären. Die Absicht dahinter ist, "dass dieses wichtige Thema nicht übersehen, sondern von allen Organisationen bei der Gestaltung und Umsetzung ihres Managementsystems berücksichtigt wird."

Werden derartige Klimaüberlegungen als relevant erachtet, muss diese im Rahmen des Managementsystems in die Risikobewertung einbezogen werden. Hat ein Unternehmen mehrere Managementsysteme eingeführt, zum Beispiel Qualitäts- und Umweltmanagement, muss sichergestellt werden, dass die neuen ISO-Anforderungen zum Klimawandel in jeder angewendeten Norm beachtet, beziehungsweise übergreifend integriert werden. Dabei kann die Relevanz innerhalb der jeweiligen Systeme unterschiedlich zum Tragen kommen. Die Auswirkungen auf ein Qualitätsmanagementsystem können sich beispielsweise stark von denen auf ein Informationssicherheits-Managementsystem unterscheiden.

Obwohl die ISO wichtige Ergänzungen in den Managementsystemnormen vorgenommen hat, behalten bestehende Zertifikate, zum Beispiel nach ISO 14001, ihre Gültigkeit. Eine Neuausstellung ist nicht erforderlich.

Umsetzung im Audit

In Reaktion auf die Konkretisierung in den Normen haben wir als Zertifizierungsstelle unsere Auditverfahren angepasst. So stellen wir sicher, dass die Aspekte der Klimaänderung in unseren Audits berücksichtigt werden. Unsere Auditoren begutachten ab sofort, inwieweit Ihre Organisation die erweiterten ISO-Anforderungen zum Klimawandel in ihren Zielen und Risikominderungsstrategien verankert hat.

Einflussfaktoren auf Managementsysteme 

Hintergründe und Beispiele

Die Folgen der Klimakrise auf Organisationen sind vielfältig. Steigende Temperaturen und extreme Wetterereignisse wie Überschwemmungen, Wirbelstürme und Dürren stellen schon heute große Herausforderungen dar. Veränderte Arbeitsbedingungen, die sich unmittelbar auf die Arbeitsumgebung und die Effizienz von Anlagen auswirken, beeinflussen die Effizienz von Produktionsprozessen. Insbesondere Branchen wie Landwirtschaft, Bauwesen und Fischerei müssen sich auf diese Veränderungen einstellen, da sich Klimamuster verschieben.

Unvorhergesehene Wetterereignisse können Produktionsanlagen beschädigen, Transportwege und Lieferketten zusammenbrechen lassen. Dies kann nicht nur zu Produktionsstörungen und Lieferverzögerungen, sondern auch zu einer Verknappung von Ressourcen und Rohstoffen führen. Die Abhängigkeit von globalen Lieferketten bedeutet für Unternehmen eine zunehmende Herausforderung, auf die es angemessen zu reagieren gilt. Um die Resilienz ihrer Lieferketten zu stärken, erfordert dies möglicherweise Investitionen in alternative Transportwege, Lagerhaltung und Risikomanagementstrategien.

Darüber hinaus können veränderte Umweltbedingungen und Temperaturschwankungen die Verfügbarkeit und Qualität von Rohstoffen beeinträchtigen, was wiederum die gesamte Lieferkette beeinflusst. Ein Temperaturanstieg kann auch die Gesundheit und Sicherheit der Mitarbeitenden beeinträchtigen, insbesondere bei Arbeiten im Freien oder auf Reisen. Diese Veränderungen könnten sich wiederum auf die Arbeitsmärkte auswirken.

Angesichts strengerer Vorschriften und Gesetze zur Bekämpfung des Klimawandels weltweit müssen sich Unternehmen auf neue regulatorische Anforderungen vorbereiten und verstärkt Maßnahmen ergreifen, um diese einzuhalten. Dazu gehören möglicherweise strengere Emissionsgrenzwerte, erweiterte Berichtspflichten und die Teilnahme an Emissionshandelsprogrammen.

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Un­ter­neh­men werden heute von ganz un­ter­schied­li­chen Treibern ge­for­dert, ein Klimamanagement zu eta­blie­ren. Die Er­mitt­lung der Treib­haus­gas­emis­sio­nen und Be­richt­erstat­tung sollte dabei gemäß an­er­kann­ter Stan­dards wie ISO 14064-1, ISO 14067, ISO 14068-1 oder dem GHG Protocol er­fol­gen.

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Welche Normen sind betroffen?

Einer Liste der ISO zufolge sind von den Ergänzungen alle TYP-A-Managementsystemnormen betroffen, darunter unter anderem die sogenannten „großen“ ISO-Normen ISO 9001 (Qualität), ISO 14001 (Umwelt), ISO 45001 (Arbeits- und Gesundheitsschutz), ISO 50001 (Energie) und ISO/IEC 27001 (Informationssicherheit).

Insgesamt sind es die folgenden 32 bestehenden Normen, die von den neuen ISO-Anforderungen zum Klimawandel betroffen sein werden: ISO 9001, ISO 14001, ISO 14298, ISO 15378, ISO 16000-40, ISO 18788, ISO 19443, ISO/IEC 19770-1, ISO/IEC 20000-1, ISO 21001, ISO 21101, ISO 21401, ISO 22000, ISO 22163, ISO 22163, ISO 22301, ISO/IEC 27001, ISO 28000, ISO 29001, ISO 30301, ISO 30401, ISO 34101-1, ISO 35001, ISO 37001, ISO 37101, ISO 37301, ISO 39001, ISO 41001, ISO 44001, ISO 45001, ISO 46001 und ISO 50001.

Die vollständige Erklärung von ISO und IAF sowie eine umfassende Liste der betroffenen Normen finden Sie hier.

Hinweis: Durch die Aktualisierung von ISO 22000 ist auch der FSSC 22000 Standard von dieser Änderung betroffen. Hier können Sie die FSSC 22000 Board of Stakeholders Decision List herunterladen.

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ISO 14091 – Leitfaden zur Anpassung an den Klimawandel

Bereits im Jahr 2021 ist die Norm DIN EN ISO 14091:2021-07 bei DIN Media erschienen. Der Leitfaden behandelt das Thema „Anpassung an den Klimawandel – Vulnerabilität, Auswirkungen und Risikobewertung“ und bietet Leitlinien für die Bewertung von Risiken im Zusammenhang mit den Folgen der Klimaveränderungen. Der Leitfaden hilft Organisationen aller Größen und Branchen darüber hinaus, die Anpassung an den Klimawandel zu lenken und mit Blick auf gegebenenfalls notwendige Maßnahmen entsprechende Prioritäten festzulegen.

 

ISO-Anforderungen zum Klimawandel – Fazit

Die Integration von Klimazielen in ISO-Managementsystemnormen unterstreicht die Dringlichkeit und Bedeutung des Klimaschutzes in allen Wirtschafts- und Lebensbereichen. Die strategische Einbindung des Klimawandels in die ISO-Normen trägt zur ökonomischen Resilienz von Unternehmen bei. Durch die erweiterten ISO-Anforderungen wird die Berücksichtigung des Klimawandels bei der Gestaltung und Implementierung von Managementsystemen verpflichtend. 

Ein proaktives Risikomanagement befähigt Organisationen, nicht nur potenzielle Risiken, sondern auch Chancen im Kontext klimatischer Veränderungen zu identifizieren und zu nutzen. Die Klimaschutzverpflichtungen der ISO sind hierbei von zentraler Bedeutung, da sie international dazu beitragen, den Herausforderungen der Klimaveränderungen zu begegnen und eine nachhaltige Zukunft für kommende Generationen zu gestalten.

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Im Spannungsfeld zwischen ökonomischem Wachstum und ökologischem Handeln gewinnen Managementsysteme zunehmend an Bedeutung – eine Entwicklung, die DQS bereits seit Jahren verfolgt. Es gilt heute als eine der zentralen unternehmerischen Herausforderungen, beide Aspekte als harmonische Ziele zu verstehen und fest in den Geschäftsprozessen zu verankern. Die steigende globale Aufmerksamkeit für Klimaveränderungen und der anhaltende Wandel im Bewusstsein spiegeln sich in immer komplexer werdenden gesetzlichen Vorgaben wider – und neuerdings auch in den Managementsystemnormen der ISO.

Als international anerkannter Zertifizierer für Managementsysteme und Prozesse unterstützen wir Unternehmen mit wertvollen Audits in sämtlichen Wirtschaftsbereichen – und das an über 30.000 Audittagen pro Jahr. Unser Anspruch reicht dabei weit über das Abhaken von Auditchecklisten hinaus. Unsere Auditoren bringen ihre umfangreiche fachliche und branchenspezifische Kompetenz ein, um Ihnen wertvolle Anregungen für die Weiterentwicklung Ihres Managementsystems und die fortlaufende Verbesserung Ihres Unternehmens zu bieten. Nehmen Sie uns beim Wort!

Vertrauen und Expertise

Unsere Texte und Broschüren werden ausschließlich von unseren Normexperten oder langjährigen Auditoren verfasst. Sollten Sie Fragen zu den Textinhalten oder unseren Dienstleistungen an unseren Autor haben, senden Sie uns gerne eine E-Mail: [email protected].

Hinweis: Wir verwenden aus Gründen der besseren Lesbarkeit das generische Maskulinum. Die Direktive schließt jedoch grundsätzlich Personen jeglicher Geschlechteridentitäten mit ein, soweit es für die Aussage erforderlich ist.

Autor

Altan Dayankac

Glo­bal Program Manager und Senior Sus­taina­bi­li­ty Manager der DQS Gruppe und in­ter­na­tio­na­ler Experte für zahl­rei­che Nach­hal­tig­keits-, Klima-, Umwelt- und Ar­beits­si­cher­heits­the­men. Seine Ex­per­ti­se bringt Altan Dayankac zudem als Autor und Mo­de­ra­tor in HSE- und Nach­hal­tig­keits-Ko­mi­tees sowie in ver­schie­de­ne Fach­ver­an­stal­tun­gen ein.

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