In fünf Schritten zum zertifizierten Rezyklatanteil
Schritt 1: Produkt und gewünschte Aussage festlegen
Am Anfang steht nicht die Auswahl eines Standards, sondern die Frage: Was genau soll nachgewiesen werden?
Mögliche Aussagen sind beispielsweise:
- Das Kunststoffprodukt enthält einen bestimmten Anteil Post-Consumer-Rezyklat.
- Der Rezyklatanteil eines Produkts wurde anhand nachvollziehbarer Materialflüsse berechnet.
- Einer Produktmenge wurde über ein Massenbilanzverfahren eine bestimmte Menge zirkulärer Rohstoffe zugeordnet.
- Die eingesetzten zirkulären Rohstoffe stammen aus einer zertifizierten Lieferkette.
- Die Kunststoffverpackung wurde hinsichtlich ihrer Recyclingfähigkeit bewertet.
Unternehmen sollten daher zunächst bestimmen, für welches Produkt, welchen Standort und welchen Zeitraum der Nachweis gelten soll. Ebenso wichtig ist die Frage, ob der Nachweis für Kundenanforderungen, Nachhaltigkeitsberichte, Produktclaims oder regulatorische Zwecke benötigt wird.
Schritt 2: Material und Lieferkette analysieren
Im zweiten Schritt wird betrachtet, wie das recycelte Material in das Unternehmen und in das Produkt gelangt.
Relevant sind:
- die Art des Kunststoffs,
- das eingesetzte Recyclingverfahren,
- die Herkunft des eingespeisten Abfallmaterials (Rohstoff am Anfang der Lieferkette)
- die Zahl der beteiligten Lieferanten und Standorte,
- die Vermischung mit Neuware oder anderen Rohstoffen,
- die Rückverfolgbarkeit der Materialmengen und
- die vorhandenen Lieferanten- und Materialnachweise.
Bei mechanisch recycelten Kunststoffen ist der Weg vom Abfall über das Rezyklat bis zum Endprodukt häufig vergleichsweise direkt nachvollziehbar. Bei chemischen Recyclingverfahren können zirkuläre und fossile Rohstoffe dagegen innerhalb komplexer Produktionsanlagen gemeinsam verarbeitet werden. In solchen Fällen kann ein Massenbilanzansatz zum Einsatz kommen.
Je komplexer die Lieferkette ist, desto wichtiger sind einheitliche Daten, eindeutige Materialbezeichnungen und klar definierte Verantwortlichkeiten.
Schritt 3: Den passenden Zertifizierungsstandard auswählen
Welcher Zertifizierungsansatz geeignet ist, hängt vom konkreten Anwendungsfall ab. Maßgeblich sind insbesondere das Produkt, das Recyclingverfahren, die Struktur der Lieferkette und die Aussage, die gegenüber Kunden oder anderen Interessengruppen getroffen werden soll.
Sowohl RecyClass als auch ISCC PLUS unterstützen die Rückverfolgbarkeit recycelter Kunststoffe, verfolgen dabei jedoch unterschiedliche Ansätze.
RecyClass: Fokus auf Kunststoffprodukte und konkrete Rezyklatanteile
Die RecyClass Recycled Plastics Traceability Certification richtet sich speziell an Unternehmen innerhalb der Kunststoffwertschöpfungskette. Sie überprüft die Rückverfolgbarkeit recycelter Materialien und bestätigt den berechneten Anteil recycelten Kunststoffs in Produkten. Das System arbeitet mit einem Controlled-Blending-Ansatz und orientiert sich unter anderem an EN 15343 und ISO 22095.
RecyClass eignet sich vor allem, wenn
- ein konkreter Rezyklatanteil in einem Kunststoffprodukt nachgewiesen werden soll,
- mechanisch recycelte Materialien eingesetzt werden,
- Pre-Consumer- und Post-Consumer-Anteile unterschieden werden sollen,
- eine klar abgegrenzte Kunststoffwertschöpfungskette vorliegt oder
- Kunden eine produktspezifische Bestätigung des Rezyklatanteils verlangen.
Die Zertifizierung richtet sich an Chemieunternehmen, Kunststoffverarbeiter, Produzenten und Händler.
ISCC PLUS: Fokus auf komplexe und zirkuläre Lieferketten
Das ISCC-PLUS-Basissystem stellt Anforderungen an die Rückverfolgbarkeit und den Umgang mit zertifizierten Materialströmen entlang der Lieferkette. Soll darüber hinaus der Rezyklatanteil eines Kunststoffprodukts nach den Anforderungen der EN 15343 nachgewiesen werden, kann ISCC PLUS um das entsprechende EN-15343-Add-on ergänzt werden. Dieses enthält zusätzliche Anforderungen an die Identifikation, Rückverfolgbarkeit und Verifizierung recycelter Kunststoffmaterialien und ist für mechanisch recycelte Kunststoffe bei physischer Segregation vorgesehen.
Für Unternehmen, die bereits nach ISCC PLUS zertifiziert sind, kann das Add-on eine Möglichkeit sein, bestehende Zertifizierungsstrukturen gezielt um den Nachweis von Rezyklatanteilen zu erweitern. Welcher zusätzliche Aufwand damit verbunden ist, hängt vom jeweiligen Geltungsbereich, den Materialflüssen und den bereits etablierten Prozessen ab.
Während ISCC PLUS branchen- und rohstoffübergreifend ausgerichtet ist, konzentriert sich RecyClass spezifischer auf Kunststoffprodukte und Kunststoffwertschöpfungsketten. Welcher Zertifizierungsansatz geeignet ist, hängt daher vor allem vom gewünschten Nachweis, dem eingesetzten Recyclingverfahren und der Struktur der Lieferkette ab.